Shenzen
Das Begegnungsprojekt am Gymnasium Stein mit der Foreign Language School in Shenzhen hat seine erste Bewährungsprobe bestanden. Besuch und Gegenbesuch haben vielfältige Eindrücke hinterlassen und es sind erste Freundschaften unter den Schüler-innen entstanden. Beide Gruppen haben sich im jeweiligen Gastland anschließend selbst umgesehen.
Besuch in Shenzhen
Shenzhen erschien uns als grüne Stadt. Das Fischerdörfchen wandelte sich in knapp 20 Jahren in eine Millionenstadt mit Klustern von Hochhäusern. Diese haben innen auch ihre Reize, wie wir uns überzeugen konnten. "Man sagt: Jeden Tag werde hier ein Hochhaus fertig und alle drei Tage eine Straße, und dies seit 27 Jahren ...", notiert Mark Siemons in der FAZ vom 16.06.2007.
Dazwischen befinden sich die vielen Grünanlagen. Sie werden permanent gereinigt, stets mit frischen, blühenden Blumen versorgt und von Parkwächtern beaufsichtigt. Die Bevölkerung nutzt sie gerne "anarchistisch", so wie wir die Englischen Gärten. Am Wochenende trifft man sich auf dem Hügel vor dem Deng-Xiao-Ping-Denkmal. Sein offener "Banker"-Mantel verdeckt die Arbeiteruniform, die darunter hervorspitzt. Wie treffend! Ob diese Ironie überhaupt verstanden wird oder beabsichtigt war? Ich muss mich ab und zu für ein Familienfoto dazustellen. Das geschieht mit einer höflichen und freundlichen Aufforderung. Als "Fremder" wird man gerne gesehen und man zeigt sich interessiert und offen. Mit 50 Jahren gehen die Frauen, mit 52 die Männer in Rente und so findet viel Gemeinsames in den Parkanlagen statt: früh z. B. die beidhirnige Körperertüchtigung, die sich für mich elegant darbietet und etwas von einer ganzheitlichen innerlichen Würde widerspiegelt. Diese Eleganz, die individuelle ästhetik und übereinstimmung mit sich selbst, finde ich in den sinnlichen Ballett- und Artistikdarbietungen der Shows wieder. Es ist nicht nur die Perfektion, die uns fesselt, denn sie ist niemals vordergründig - wie bei uns. Die Choreographie, das Licht, die Bühnenpräsenz, die Raumaufteilung und vor allem die Schaffung von Fantasieräumen sind gleichberechtigt immer dabei.
Aber verweilen wir noch etwas im Park in Shenzhen. Ein älterer Kollege schreibt mit einem großen Pinsel chinesische Kalligrafie auf den Boden - sozusagen als Einheit von Körper und Geist - und die Zuschauer würdigen seine individuelle Ausdruckskraft. Dann sind die Besorgungen dran und nachmittags findet man sich wieder. Chöre der Minderheiten können wir bewundern, Brettspiele und ältere Damen, die sich mit viel Spaß ein "Federbällchen" mit den Füßen zukicken und eine erstaunliche Körperbeherrschung aufweisen. Ich versuche dieses Bild nach Deutschland zu transferieren - einfach undenkbar. Die Drachenspezialisten nutzen währenddessen wie selbstverständlich ihre Fläche, ohne sich gegenseitig die Leinen zu verheddern. Das reichlich vorhandene Parkpersonal sieht sich außerstande - trotz des bestehenden Verbots - "einzugreifen".
In Schanghai schließlich trifft sich eine Gruppe hochbetagter Rentner regelmäßig früh um sieben Uhr im Park und ein pensionierter Unternehmer liest ihnen die Zeitung vor. Sie wollen wissen, was in der Welt los ist, obwohl sie Analphabeten sind. "Man muss im Kopf beweglich bleiben", heißt die lapidare Begründung des Vorlesers. Selbstverständlich hat man als Rentner günstige Eintrittsbedingungen. Die Wohnungen und die Lebenshaltungskosten sind noch billig. In der ersten Sonderwirtschaftszone Shenzhen dagegen zeigt sich die ökonomische Entwicklung so, wie wir sie bei uns auch erwarten würden.
Stadtimpressionen
Was weiterhin auffällt ist die Sauberkeit in den Städten und insgesamt die Tendenz, mit viel Personal zu arbeiten. Damit haben viele Menschen eine Arbeit und unsere industrielle Westsicht, dass der "Mensch" zu teuer sei, kommt gehörig ins Wanken. Den Kochmannschaften in den Garküchen kann man bei der Arbeit zusehen. Sie tragen allesamt Mundschutz, wie auch die leicht erkrankten Mitbewohner außerhalb, die wie selbstverständlich wahrgenommen werden.
Die U-Bahnhöfe sind mit Glaswänden geschützt, deren Türen sich synchron zu denen der Waggons öffnen. Somit werden sämtliche Gefahrenquellen ausgeschlossen. Bei den z. T. 25-stündigen Zugfahrten wurden wir ebenfalls überrascht, wie schnell sich die vielen Tausend Reisenden in dem riesigen Zug verteilten. Dabei wurden eingangs die Karten kontrolliert und es wurde sichergestellt, dass auch jeder seinen Platz findet. Anschließend wird man von "Mannschaften" umsorgt, die sich um die Sauberkeit, das Essen und die Betten kümmern.
Dass sich die "breiten Massen" ihren Weg gerne selbst bahnen, besonders an Straßenkreuzungen, haben wir augenzwinkernd registriert: Da mussten die Autos halt warten. Fähnchenschwingende Damen versuchten verzweifelt eine gewisse Ordnung in die Anarchie des Alltags hineinzubringen, nicht immer hatten sie Erfolg. Eine Diktatur kann sich eine solche Anarchie doch eigentlich gar nicht leisten - oder?
Dem "traditionellen" Spucken wird schon seit Jahren der Kampf angesagt. Weitere "erzieherische Maßnahmen" finden einmal im Monat statt. Da wird nämlich im ganzen Land "geübt", z. B. das geduldige Anstehen u. ä. Man will sich schließlich für die Olympiade 2008 von seiner positiven Seite präsentieren.
Westliche Prägungen?
Was fällt in den Metropolen noch auf? Riesige Geschäftshäuser, eine Lichterflut, wie wir sie in Las Vegas erwarten, lautschreiender Kommerz - und nach 22 Uhr schließlich die Wanderarbeiter, die nächtens die Umbauten gestalten. In Schanghai sind es Millionen, die die Stadt am Leben erhalten und versorgen, die mit Fahrrädern riesige Ladungen von Kunststoffsäcken oder Styropor transportieren u.v.m.
In den alten Stadtkernen konnte man diesen Teil der Bevölkerung noch wahrnehmen. Dabei ist kaum gesichert, dass sich diese historischen Stadtkerne überhaupt erhalten. Gerade mal die Hutongs in Peking genießen einen gewissen Ensembleschutz und die dort vorfindlichen sozialen Wohnformen bestehen auch heute noch.
Natürlich kann man sich von den Skylines dieser Metropolen blenden lassen. Sie sind Herrschaftssymbole des Geldes, die den babylonischen Gigantismus übertreffen möchten. Viele der höchsten Bauwerke der Welt befinden sich in Chinas Städten. Das Eingangspersonal - Sicherheitskräfte im besten Zwirn und mit Handschuhen versehen - erinnern jedoch eher an die koloniale, halbfeudale Attitüde, sich mit livrierten Chargen zu umgeben. überall Marmor, Spiegel, geschliffener Granit und die klinische Sauberkeit der Bankinstitute, als hätten sie ein inneres Bedürfnis entwickelt, etwas mit diesem Glanz überdecken zu müssen. Der Aufwand der Kaiser in der Verbotenen Stadt dürfte kaum geringer ausgefallen sein. Doch dieser Reichtum findet seine Entsprechung in der Armut ganzer ländlicher Bevölkerungsschichten - damals wie heute.
Wir nehmen die Großstädte als westlich orientiert wahr. Die europäischen und amerikanischen Automarken überwiegen und damit der westliche Kopismus der Wagentypen, die sich immer ähnlicher werden. Mitgeliefert wird damit auch "unser" Abgasproblem. Das gilt übrigens auch für die in China produzierenden westlichen Firmen der Spielzeug-, Textil-, Automobilbranche, deren Umweltbelastung selbstverständlich den Chinesen etwas zu einseitig in die Schuhe geschoben wird, obwohl die Joint-Venture-Produktion überwiegt und Schanghai über den größten deutschen TüV verfügt, den man sich vorstellen kann. Aber China hat selbstverständlich auch ein eigenes Umwelt - "Problem". Zhou Shengxian, Chef der chinesischen Umweltbehörde, bringt die dramatisch angestiegenen Unruhen damit in Beziehung. Die neueste Untersuchung von 529 Betrieben entlang wichtiger Flüsse belegt dass 44% gegen die Umweltgesetze verstießen und die Hälfte der Kläranlagen nicht richtig funktionierten. Das Volk ist sensibler als die Bürokratie, das lässt hoffen.
Bildung zählt
Beim Rundgang durch die Foreign Languages School Shenzhen fiel uns auf, dass sie modern ausgestattet ist. Die neuesten Computer sind im Einsatz, jedes Klassenzimmer verfügt über eine Computer-Beamer-Einheit. Es wird sofort sichtbar, dass hier die Hauptinvestitionen getätigt werden. Wir vergleichen unsere schulische Randkultur mit einer gehörigen Portion Neid. Konferenzräume werden uns präsentiert, die diesen Namen auch verdienen. Alle Kollegen haben einen computerisierten Arbeitsplatz. Von dieser Ausstattung können wir nur träumen. Die Schüler gehen respektvoll mit ihren Lehrern um, es herrscht ein höflicher, entspannter Ton. Eine ärztin ist immer vor Ort und bei den geringsten Auffälligkeiten greifen sofort Unterstützungsmaßnahmen durch die Betreuer und den psychologischen Dienst. So findet sich vielerlei Hilfe für die Schüler, ohne dass es erst zu einer "Katastrophe" kommen muss. Die Bereitschaft zum Lernen wird überall sichtbar und hat eine lange Tradition. Das "Große Lernen" (Daxue), der alte konfuzianische Text, ist "das Tor, durch das jeder, der zu lernen beginnt, zu moralischer Kraft gelangt". Er galt schon damals als Grundlage für die kaiserlichen Beamten. Die Leistungsbereitschaft der chinesischen Schüler ist dann auch das dritte Unterscheidungsmerkmal, das uns auffällt. Das Bewusstsein der eigenen langen Kultur wird gepflegt, aber auch die Neugierde den anderen Kulturen gegenüber ist zu spüren.
Der alte und neue Konfuzianismus
Der Konfuzianismus wird wieder aktuell. Er ist keine Religion, aber er überbrückte schon zu Kaisers Zeiten den Spagat zwischen der Organisation der Herrschaft gegenüber dem Volke und der kaiserlichen Unantastbarkeit. Offensichtlich möchte die Staatsführung daran wieder anknüpfen. Die überhebliche kaiserliche Einschätzung als "Reich der Mitte" - wir erinnern uns an die eurozentrische Entsprechung mit dem "Mittelpunkt" in Rom - wird auch heute zunehmend von den Eliten bemüht. Insider sprechen von einem neuen Nationalismus, der sie an den der Weimarer Republik erinnert. Sie betonen das mit einer gewissen resignativen Zukunftserwartung.
Vorsichtige Bewertung
China kann eine lange Kontinuität vorweisen. Das sollte bedacht sein, wenn man vorschnell über diese asiatische Kulturnation wertet. Hier wie dort ist zu erkennen, wie kulturelle und soziale Werte einer einseitig ökonomischen Bewertung weichen. Auch die neuere Geschichte, die der Kulturrevolution, wird noch nicht abschließend bewertet. Das soll natürlich nicht außer Acht lassen, dass China aktuell auf die Sicherung des Privateigentums an Produktionsmitteln setzt, über 200 Milliarden Dollar in ausländische Industrie- und Finanzprodukte investiert, während 200 Millionen Wanderarbeiter ein kärgliches Leben fristen müssen, und die Altersrente für das ganze Volk privatisiert wird. Aus einer ehemals sozialistischen Szenerie ist im Laufe der Jahre ein zentralistischer, bürokratischer Kapitalismus erwachsen, mit all seinen bekannten Folgen.
Ratschläge erteilen?
Was ist also zu halten von den vielen Ratschlägen unserer Politiker, Intellektuellen nach mehr Demokratie und der Einhaltung der Menschenrechte in China? Im Sinne einer Kultur der Nichteinmischung (H. Schmidt) plädiere ich dafür diese Fragen der chinesischen Bevölkerung zur Beantwortung alleine zu überlassen. Beide Märkte sind tief miteinander durchdrungen. Wir nutzen Produkte die in China hergestellt sind, und "wir" haben in China viele Produktionsstätten aufgebaut - ohne dass uns die landesüblichen Arbeitsbedingungen und -zeiten oder die fehlende gewerkschaftliche Organisation bislang gestört hätten ...
Was zählt
Unsere Reise nach China hat tiefe Eindrücke bei uns hinterlassen, viele unserer "Vorurteile" in Frage gestellt. Die chinesische Küche hat uns mit ihrer Geschmacksvielfalt und Farbigkeit positiv überrascht. Wir können die vielen Bilder, Stimmungen, Erfahrungen kaum verarbeiten, als wir wieder in unsere Welt eintauchen und damit in die Welt der Vorurteile über China. Nach dieser Reise kommen uns die selbstbewusst vorgehaltenen Erkenntnisse aus den Medien - meist massenhaft verbreitete Singularitäten - oder von anderen Gesprächspartnern doch etwas zweifelhaft vor. Zwanzig Tage zuvor hatten wir noch ähnliche Assoziationsketten bemüht. Wir ordnen diese "Informationen" inzwischen aber in den persönlich erfahrenen Background mit ein und vermeiden vorschnelle Be- und Verurteilungen. Abschließende Bewertungen lassen sich nach solch einer kurzen Zeit aber noch nicht ziehen, dafür sind wir neugierig geworden auf mehr. Ich denke, das ist eine gute Voraussetzung für die Beständigkeit des Austauschprojektes mit unseren Partnern in Shenzhen.