Warum Latein?

Warum sollte man heutzutage noch Latein lernen?


R.I.P. Latein? Latein - eine tote Sprache. Das ist wohl der häufigste "Vorwurf", den Befürworter der ehemaligen Weltsprache zu hören bekommen. Doch was ändert eigentlich die Tatsache, dass sie in den Augen vieler "gestorben" ist, an ihrem Nutzen? Im Prinzip nur, dass man wahrscheinlich nie in eine Situation kommen wird, in der man sich mit Latein verständigen muss. Aber macht es Sinn, die Nützlichkeit eines Unterrichtsfachs ausschließlich an einem so konkreten Teilaspekt festzumachen, nur weil es eine Sprache ist und einer solchen weitläufig nur diese eine Funktion, die der direkten Kommunikation, zugesprochen wird?
Dies gilt es insbesondere an einem (nicht humanistischen) Gymnasium wie unserem zu bedenken, wo die englische Sprache, die als aktuelle Weltsprache auch in Zukunft immer mehr Menschen - vor allem im europäischen Raum - sprechen werden, sowieso ab der fünften Jahrgangsstufe unterrichtet wird und die Entscheidung des Schülers zwischen Französisch und Latein fällt. Bestünde die Alternative aus einer Sprache, die von einem großen Teil eines anderen Kulturkreises, in dem Englisch noch nicht so selbstverständlich vorausgesetzt wird wie bei uns, gesprochen wird und immer weiter an Bedeutung gewinnt (z.B. Chinesisch), hätte das Argument der Kommunikation sicherlich eine größere Bedeutung. Aber wiegt es in unserem Fall wirklich die vielfältigen Vorteile des Lernens des Lateinischen auf, sodass es genügt, um die Sprache als nutzlos abzustempeln?

  Leichteres Erlernen romanischer Sprachen

Verbreitung romanischer Sprachen Ein beliebtes Gegenargument der Latein - Befürworter ist die Tatsache, dass Latein als Ursprung der romanischen Sprachen (Spanisch, Portugiesisch, Französisch, Italienisch, Rumänisch u.a.) viele Ähnlichkeiten zu diesen aufweist und dadurch das Erlernen dieser sehr erleichtert. Auch wenn man mit Lateinkenntnissen vieles versteht, ersparen sie selbstverständlich nicht den gesamten Lernaufwand, bilden aber eine überaus solide Grundlage für spätere "Weiterbildungen" - und das ist schließlich eine der Hauptaufgaben eines Gymnasiums.

  Fördern analytischen Denkens

Latein fördert analytisches Denken Indem man die umfangreiche, aber logisch aufgebaute Grammatik lernt und das Gelernte anwendet, schult man jedoch auch sein Gefühl für Sprache im Allgemeinen, was nicht nur Vorteile beim Erlernen von Fremdsprachen verschafft, sondern vor allem für das Verständnis des Aufbaus der eigenen Muttersprache sehr förderlich ist. Zu Recht wird in diesem Zusammenhang oft darauf hingewiesen, dass sich ein Großteil der Fremdwörter im Deutschen (und damit erstaunlich viele Wörter des normalen Sprachgebrauchs im Englischen) aus dem Lateinischen ableiten lassen. Neben den sprachlichen Fähigkeiten fördert das systematische Übersetzen der oft langen Sätze aber auch generell das analytische Denken. Umgekehrt funktioniert dieser Schluss natürlich genauso: Sich für Latein zu entscheiden bedeutet nicht, sich in erster Linie für das mühsame Auswendiglernen von Vokabeln zu entscheiden (zumindest nicht in höherem Maße als in jeder anderen Sprache, im Gegenteil). Vor allem systematisches Vorgehen und Logik machen den Hauptbestandteil der benötigten Fertigkeiten aus. Als kleines Beispiel für diesen Zusammenhang sei angeführt, dass fast die Hälfte des aktuellen Latein-Leistungskurses (LK) an unserer Schule als zweiten LK Mathematik hat.

  Kultur und Gesellschaft

Die antike Kultur als Grundlage der modernen Gesellschaft Das Lernen einer Sprache geht immer einher mit dem Kennenlernen der Umgebung, in der sie gesprochen wird (wurde), sowie deren Kultur und Geschichte. Dass in der Antike die Grundsteine für unsere moderne Gesellschaft gelegt wurden, dürfte wohl unbestritten sein. Philosophie, Staatslehre, Lyrik, unsere Schrift, ... eine Liste, die sich ewig fortsetzen ließe - fast alles nahm damals seinen Ursprung, wenn auch beileibe nicht ausschließlich bei den Römern. Doch bei vielen von ihnen spiegeln sich auch die Erkenntnisse und Errungenschaften der Griechen wider, die übernommen und angepasst wurden. Noch Anfang des 18. Jahrhunderts wurden fast alle wichtigen Schriften und Vorträge auf Latein verfasst und selbst heutzutage wird bei vielen Studienfächern das Latinum vorausgesetzt oder es werden zumindest gute Kenntnisse der lateinischen Sprache sehr empfohlen.

Oliver Taubmann

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